Über Breslau

Die Ursprünge von Breslau lassen sich bis zu einer slawischen Siedlung zurückverfolgen, die sich an einer Furt der Oder und gleichzeitig an einer Kreuzung der wichtigsten Handelsrouten zwischen Ost und West, Nord und Süd befand. In der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts kam Schlesien unter böhmische Herrschaft und die Siedlung, die zu dieser Zeit wahrscheinlich schon den Charakter einer Grenzburg hatte, erhielt den Namen des böhmischen Fürsten Vratislav. Im letzten Jahrzehnt vor der Jahrtausendwende wurde Schlesien schließlich Teil des Herzogtums Polen. Aus dem Jahr 1000 stammt die älteste erhaltene schriftliche Erwähnung Breslaus, niedergelegt in einer päpstlichen Bulle als Sitz des gleichnamigen Bistums. Unter den schlesischen Piasten wurden die Siedlungen rund um die auf einer Oderinsel stehenden Burg wesentlich erweitert, so dass sie im Laufe des 13. Jahrhunderts immer mehr zu einem städtischen Körper zusammenwuchsen. Dieser Prozess beschleunigte sich vor allem nach dem Mongolensturm von 1241, der auch eine teilweise Zerstörung Breslaus mit sich brachte. Ab der Zeit des Wiederaufbaus übernahmen deutsche Kolonisten, die von den Piasten zur Ansiedlung in Schlesien angeworben wurden, eine dominante Rolle unter den Bewohnern der Stadt. 1261 erhielt Breslau das Magdeburger Stadtrecht und entwickelte sich dank seiner verkehrsgünstigen Lage immer schneller zu einem frequentierten Handelsplatz. Charakteristisch für den innerstädtischen Zustand waren ein starkes Patriziat und ein mächtiger Stadtrat, Kaufleute und Handwerker prägten das wirtschaftliche Stadtbild. Entsprechend hatte Breslau nicht nur Sitz und Stimme im Schlesischen Städtebund, darüber hinaus war es auch als Mitglied in der Hanse vertreten. Ab 1335 stand Breslau unter böhmischer Lehnshoheit und erlebte im 14. und 15. Jahrhundert eine wirtschaftliche und kulturelle Blütezeit, die temporär von den Hussitenkriegen und dem böhmischen Erbfolgekrieg nach dem Aussterben der Luxemburger-Dynastie unterbrochen wurde. Nach dem Tod Ludwigs II., König von Böhmen, im Jahr 1526, kamen Schlesien und Breslau unter habsburgische Herrschaft. 1523, also nur wenige Jahre zuvor, begann mit einer Predigt von Johann Hess in der Magdalenenkirche die Reformation in Breslau, deren Ideen dort auf fruchtbaren Boden fielen. So traten bereits ein Jahr später die meisten Bewohner der Stadt, mit der Stadtverwaltung an der Spitze, zum Protestantismus über. Lediglich die klerikalen Institutionen auf der Dominsel und einige umliegende Siedlungen blieben katholisch. Die protestantische Dominanz blieb auch während der allgemeinen gegenreformatorischen Bestrebungen der Habsburger erhalten. Noch unter ihnen wurde jedoch eine Jesuiten-Akademie als Universität mit zwei Fakultäten in Breslau gegründet.

In Folge der Schlesischen Kriege kamen Schlesien und Breslau zu Preußen. Die Stadtbewohner begrüßten die Armeen Friedrichs II. mit Begeisterung. Der König machte Breslau zur Hauptstadt der neuen preußischen Provinz Schlesien, zur königlichen Residenzstadt und damit zu einer der drei Hauptstädte des Königreichs. Gleichzeitig verlor die alte städtische Verwaltung durch die Zentralisierungspolitik Friedrichs ihre über Jahrhunderte gehaltene Macht. Breslau selbst aber entfaltete sich stark – räumlich, wie kulturell und geistig. Zu Ersterem trug unfreiwillig die Schleifung der Befestigungsanlagen durch die napoleonische Besatzung bei, die nun eine Eingliederung der Vorstädte in das Stadtgebiet ermöglichte. Das Erscheinungsbild Breslaus veränderte sich dadurch nachhaltig. Säkularisation und Universitätsgründung 1810 beeinflussten dagegen das kirchliche und kulturelle Leben der Stadt. Wirtschaftlich und infrastrukturell erfuhr Breslau im 19. Jahrhundert ebenfalls enorme Veränderungen. Die Anbindung an das Eisenbahnnetz ab den 40er Jahren und später der Bau des Hafens in Pöpelwitz (Popowice) machten es zu einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt. 1910 wurden die technische Universität Breslau und ein Jahr später die Kunstakademie gegründet. Lebten und wirkten bereits in früheren Jahrhunderten bedeutende Dichter und Schriftsteller in Breslau so konnte sich jetzt eine Szene des Theaters, der Musik und der Bildenden Künste entfalten, die es zu einem der wichtigsten kulturellen Zentren Deutschlands machte. Nicht zuletzt auch innovative Architekturprojekte trugen zu diesem Ruf bei. Die Gesamtentwicklung spiegelte sich zudem im Bevölkerungswachstum wider: Zu jener Zeit wurde bereits eine Einwohnerzahl von einer halben Million Menschen erreicht.

Durch den ersten Weltkrieg wurde diese Blütezeit abrupt beendet als die städtische Wirtschaft drastisch schrumpfte und große Bevölkerungsteile verarmten. Nach dem Krieg verlor Breslau außerdem aufgrund der Gebietsabtrennungen an das wiederentstandene Polen weite Teile seines östlichen Hinterlandes. Nach der Stabilisierung der wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse im Deutschland der 20er Jahre kam Breslau wieder zurück auf den Weg der Entwicklung und Modernisierung. Durch eine Verwaltungsreform noch einmal deutlich in Bezug auf Fläche und Einwohnerzahl erweitert, begann es seine frühere Position als ein wirtschaftliches und kulturelles Zentrum wiederzuerlangen. Diese Entwicklung wiederum wurde durch die Weltwirtschaftskrise 1929 gestoppt.

Nach 1933 führten die Industrie- und Infrastrukturinvestitionen der Nationalsozialisten, wie in ganz Deutschland, so auch in Breslau zunächst zu einer wirtschaftlichen Wiederbelebung der Stadt und einem deutlichen Rückgang der Arbeitslosigkeit. Gleichzeitig wurde jedoch die Autonomie der Stadt stark eingeschränkt; Wirtschaft und Industrie stellten sich in den Dienst der neuen Machthaber und ihren Rüstungsplänen. Ebenso wurde das wissenschaftliche und kulturelle Leben immer beengter. Für politische Gegner und die jüdische Bevölkerung dagegen wurde die Bedrohung existentiell: Sie waren in zunehmendem Maße Verfolgung und Terror ausgesetzt, was nur wenige Jahre später in den Genozid und die nahezu vollständige Auslöschung der vormaligen jüdischen Gemeinde Breslaus münden sollte.

Die Stadt selbst war bis 1944 vom eigentlichen Kriegsgeschehen weitgehend verschont geblieben. Sie galt sogar als vor Angriffen so sicher, dass sie zur Zuflucht von Hunderttausenden Evakuierten wurde. Die Einwohnerzahl wuchs auf diese Weise bis Ende 1944 auf eine Million an. Die Zivilbevölkerung in der von der nationalsozialistischen Führung schließlich zur Festung erklärten Stadt wurde im Januar 1945 evakuiert, bevor im Februar die Belagerung durch die Rote Armee begann. Nach dreimonatigen Kämpfen kapitulierte Breslau am 6. Mai 1945. Ergebnisse des aussichtslosen Kampfes waren eine völlig zerstörte Stadt und Zehntausende von Toten auf Seiten der in der Stadt verbliebenen Zivilbevölkerung und in den kämpfenden Armeen.

Im Sinne der Bestimmungen der Potsdamer Konferenz wurde Schlesien und damit auch Breslau unter polnische Verwaltung gestellt. Bis 1948 wurde ein kompletter Bevölkerungsaustausch vollzogen: Deutsche Einwohner wurden vertrieben, enteignet, zwangsausgesiedelt. Neue Bewohner kamen aus verschiedenen Regionen Polens, vor allem aus Zentralpolen und den ehemaligen polnischen Ostgebieten, aus denen sie ihrerseits vertrieben worden waren. Prägenden Einfluss auf das Kulturleben des polnischen Breslau nahmen aus Lemberg/L’viv/Lwów stammende Neubürger, darunter viele Intellektuelle, die besonders im wissenschaftlichen Bereich Lemberger Traditionen fortsetzten.

Seit Ende des kommunistischen Regimes veränderte sich Breslau in allen Bereichen sehr schnell und wurde umfassend restauriert. Durch die Oder-Flutkatastrophe 1997 erlitt Breslau einen Rückschlag, doch in einer solidarischen Hilfsaktion der Bevölkerung konnte das Kulturerbe der Stadt weitgehend gesichert werden. Breslau gewann ein neues Identitäts- und Zusammengehörigkeitsgefühl, das einen offenen Umgang mit der multiethnisch und multikonfessionell geprägten Geschichte der Stadt einschloss. Der EU-Beitritt Polens am 1. Mai 2004 verstärkte die europäische Orientierung.

 

Anmerkung:

Der historische Kurzabriss wurde auf Basis zweier Artikel (Krzysztof Popinski: Geschichte von Breslau. URL: http://www.wroclaw.pl/de/geschichte-von-breslau / Maria Luft: Breslau/Wrocław. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2012. URL: ome-lexikon.uni-oldenburg.de/54182.html) mit zum Teil wörtlichen Übernahmen erstellt.

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